Plädoyer für die Menschlichkeit

15. Oktober 1940: Der Film „Der Große Diktator“ wird uraufgeführt. Regisseur und Schauspieler Charlie Chaplin parodiert in seiem ersten Tonfilm Adolf Hitler.

Darf man das? Darf man über Adolf Hitler und den Nazi-Rassenwahn lachen? Ja, sagt Charlie Chaplin: „Was das Komische an Hitler betrifft, möchte ich nur sagen, dass es, wenn wir nicht ab und zu über Hitler lachen können, noch viel schlechter um uns bestellt ist als wir glauben. Es ist gesund zu lachen, auch über die dunkelsten Dinge des Lebens, sogar über den Tod. (…) Lachen ist eine Atempause, die es ermöglicht, den Schmerz auszuhalten.“ (Charlie Chaplin, New York Times, 1940)

Die Reaktion auf die Geschichte vom kleinen jüdischen Friseur, der mit dem Führer Hinkel verwechselt wird (Charlie Chaplin in einer Doppelrolle), ist gepalten: begeisterten Äußerungen steht die Kritik gegenüber, dass der Film den Ereignissen in Nazi-Deutschland und Europa nicht angemessen sei. Dem Erfolg des Films tut diese Kritik jedoch keinen Abbruch: „Der große Diktator“ wird Chaplins grösster Erfolg, nur „Vom Winde verweht“ verzeichnet zu dieser Zeit höhere Einspielergebnisse.

Auch im Filmstab wird heiß und kontrovers diskutiert, besonders über die berühmte Schlußrede; Chaplin schrieb die Szene gar mehrmals um. In der Rede des Hinkel-Doppelgängers ruft Chaplin zu Demokratie und Freiheit auf: „Es tut mir leid, aber ich möchte kein Herrscher sein. Das liegt mir nicht. Ich möchte niemanden beherrschen oder erobern, sondern jedem helfen, wo ich kann – den Juden, den Heiden, den Schwarzen, den Weißen.“

Im Oktober 1940, wenige Tage nach der Weltpremiere nimmt Chaplin in der New York Times zur Kritik an der Rede Stellung: „Es ist die Rede, die der Friseur gehalten hätte, die er hätte halten müssen. (…) Es wäre viel einfacher gewesen, den Friseur und Hannah in einen fernen Horizont verschwinden zu lassen, unterwegs zum gelobten Land, vor der untergehenden Sonnen. Aber es gibt kein gelobtes Land für die Unterdrückten dieser Erde. Es gibt keinen Ort jenseits des Horizonts, wo sie eine Zuflucht finden könnten.“

Sehr eindrinmglich beschreibt der Regisseur Sergej Eisenstein in seinem Essay Charlie, The Kid von 1945 die Schlußrede: „Und damit tritt er den großen Meistern des jahrhundertealten Kampfes der Satire mit der Finsternis würdig und gleichberechtigt zur Seite. (…) Und vielleicht ist er sogar der Größte von ihnen, weil der dem Golgatha finsterster faschistischer Reaktion sein vernichtendes Lachen entgegenschleudert, er der jüngste der Davids: Charles Spencer Chaplin aus Hollywood.“

Nach dem Krieg erklärte Chaplin, er hätte diesen Film nie gemacht, hätte er das ganze Ausmaß des Nazi-Terrors damals schon gekannt.

Aus „Der große Diktator“, dem Propagandafilm für die Menschlichtkeit, hier die Schlußrede von Charlie Chaplin:

Mehr Informationen zum Thema (einschl. dem vollständigen Text der Rede) auf der Film-Homepage. Die Zitate in diesem Post sind von dort. Die Bilder aus dem Film sind von Wikimedia Commons und public domain. Zur Ergänzung hier noch ein Beitrag des heutigen WDR2-Stichtags zu diesem Thema.

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